zurück zur Übersicht
(Artikel)

Kann KI wirklich kreativ sein?

Eine zentrale Frage im KI Zeitalter
Tobias Heigl

Letzte Woche scrollte ich durch Instagram und blieb bei einem Post hängen: eine Illustration für eine neue Craft-Beer-Marke. Detailreich, stilistisch ein bisschen retro, 1A-Komposition. Genau die Art von Arbeit, für die Illustrator·innen früher Wochen brauchten. Ich wollte schon auf »Gefällt mir« klicken, als ich die Bildunterschrift las: »Made with Midjourney in 20 minutes«.

Irgendwie war ich enttäuscht. Aber warum eigentlich? Die Qualität der Illustration hat sich ja nicht verändert. Trotzdem fühlte sich das Bild plötzlich trivial an. Dieser Moment zwischen Bewunderung und Ernüchterung fasst zusammen, wo wir mit dem Thema KI gerade stehen. Nämlich an einem Scheideweg. Und genau das offenbart etwas Fundamentales über Menschen und ihr Verhältnis zu Kreativität, Kunst und zu dem, was wir von KI erwarten dürfen.

Als Branding- und Designstudio bewegen wir uns täglich in diesem Spannungsfeld. Jeden Tag sehen wir neue KI-generierte Designs, Logos oder Kampagnen. Agenturen brüsten sich mit KI-Integration. Freelancer·innen fürchten um ihre Existenz. Und mittendrin steht eine ziemlich große Frage: Was ist Kreativität heutzutage überhaupt und kann eine programmierte Software tatsächlich kreativ sein?

Was ist Kreativität überhaupt?

Wenn wir verstehen wollen, ob generative KI kreativ sein kann, müssen wir zuerst die Frage danach stellen, was Kreativität überhaupt ist. Und sie ist komplizierter, als man denkt. Der Konsens der Wissenschaft zur Definition von Kreativität ist die folgende: »Kreativität ist die Fähigkeit, mithilfe der eigenen Vorstellungskraft neuartige und wertvolle Ideen oder Werke zu entwickeln.«

Unserer Meinung nach verlangt Kreativität vor allem zwei Dinge: Originalität und Nützlichkeit. Etwas Neues, das auch funktioniert. Nach dieser Definition wäre generative KI tatsächlich kreativ. Sie kann originelle Bilder ausspucken, die durchaus nützlich sind. Case closed? Nicht ganz.

Kreativitätsforscher·innen und Expert·innen argumentieren: Das reicht nicht und greift zu kurz. Das beschreibe nur das Ergebnis, aber nicht den Entstehungsprozess. Das ist ungefähr so, als würde man eine·n Schriftsteller·in nur nach dem fertigen Roman beurteilen, ohne zu fragen, ob er selbst verfasst oder von jemand anderem abgeschrieben wurde. Echte Kreativität braucht zwei weitere Dimensionen: Intentionalität und Authentizität.

Intentionalität die bewusste Entscheidung

Ein·e Schöpfer·in trifft bewusste Entscheidungen. Etwas auswählen, verwerfen, herumexperimentieren, wieder von vorne beginnen. Das immer mit Absicht.

Nehmen wir zum Beispiel Wolfgang Amadeus Mozart. Dieser komponierte seinen »Musikalischen Spaß« bewusst schlecht und als Satire auf dilettantische Komponisten seiner Zeit. Ein weiterer Fall aus der Designwelt ist David Carson, mit seinen chaotischen Hierarchien, zerstörten Rastern und unlesbarem Text. Wenn dieser in den 90ern Layouts entwarf, die gegen jede Regel verstießen war das keine Unfähigkeit, sondern eine bewusste Rebellion gegen die Schweizer Schule.

Beide Beispiele zeigen: Die Qualität des Werks liegt auch im Prozess und in der Art und Weise, wie es entstanden ist. Eine generative KI kennt vielleicht die Regeln, aber sie kann nicht selbst entscheiden, sie zu brechen und sie kann nicht selbst abwägen, wann Chaos bereichernd ist und wann es nur Chaos ist.

Authentizität das Selbst im Werk

Authentizität bedeutet: Das Werk ist nicht austauschbar. Es kann nur von dieser Person, zu dieser Zeit, mit diesen Erfahrungen entstehen. Denn ein Werk drückt in der Regel etwas Einzigartiges über die Person aus, die es geschaffen hat.

Dazu zählen die Perspektive, die Erfahrungen oder das Selbst. Warum erkennen wir einen Picasso auf den ersten Blick? Nicht unbedingt, weil er eine bestimmte neue Maltechnik perfektioniert hat. Es ist vielmehr seine visuelle Identität. Seine Obsessionen, seine Brüche, seine Weltsicht und sein gesamtes Leben flossen in jeden Pinselstrich. Ein gutes Beispiel dafür ist eines seiner berühmtesten Gemälde: »Guernica«. Es entstand 1937 als Reaktion auf die Zerstörung der gleichnamigen spanischen Stadt durch einen Luftangriff.

Eine generative KI hat keine eigenen Erfahrungen, hat keine Höhen und Tiefen erlebt und hat kein Selbst, dem sie Ausdruck verleihen könnte. Sie kombiniert lediglich, was andere fühlten und andere schufen. Das Ergebnis mag beeindruckend sein, aber weit weg von authentisch. Doch selbst wenn wir diese theoretischen Dimensionen verstehen, warum fühlt es sich trotzdem so falsch an, wenn wir getäuscht werden?

The Art of Illusion – Warum uns Täuschung enttäuscht

Stell dir vor, du gehst auf ein Konzert. Ein Pianist mit schickem Frack sitzt am Steinway-Flügel. Seine Hände tanzen beeindruckend schnell über die Tasten, die Musik ist atemberaubend schön. Nach der Zugabe erfährst du: Das Klavier ist nur Fassade und die Musik kam aus einem Lautsprecher. Der Künstler hat nur so getan, als würde er spielen. Wie fühlt sich das an? Irgendwie als wäre man betrogen worden, oder?

Hier kommt ein faszinierender psychologischer Effekt ins Spiel: Wir Menschen bewerten Leistungen anders, wenn wir wissen, wie viel Mühe dahintersteckt.

Die Bleistiftzeichnung eines Schulkinds von einem schiefen Herzen bewegt uns mehr als ein perfekt gedrucktes Grußkarten-Design, weil wir Mühe und Intention spüren. Ein individueller handgeschriebener Brief ist etwas besonderes, weil sich jemand Zeit genommen hat, um intensiv über die Inhalte nachzudenken und vielleicht auch mehrere Male wegen Schreibfehlern von Neuem begonnen hat. Ein gemaltes Portrait ist besonders, weil man dafür viel handwerkliches Können und Zeit benötigt.

Heutzutage geben vermeintlich Kreative einen Prompt ein, drücken auf »Enter«, lehnen sich zurück und präsentieren stolz das Ergebnis. Sie geben vor, etwas geschaffen zu haben, was in Wahrheit ein algorithmischer Prozess produziert hat, zusammengesetzt aus Millionen fremder Werke, die ohne Erlaubnis in eine Datenbank eingespeist wurden.

Für eine generative KI sind diese Dinge kein Problem. Eine Bleistiftzeichnung eines Schulkindes? Ein persönlicher Text? Ein Portrait im Stil eines Ölgemäldes? Die Aufgabenstellung ist egal. Alles wird ohne erkennbare Mühe umgesetzt und das Ergebnis beeindruckt uns nicht wirklich, weil wir wissen, dass es keine Anstrengung kostet.

»Werden wir von einem Maler sagen, dass er etwas schafft?« Platon antwortet: »Sicherlich nicht, er imitiert lediglich.«
Plato. The Republic. Book X

Der heutige Paradigmenwechsel: Auftraggeber·in vs. Schöpfer·in

Wir werfen nun einen kurzen Blick auf unsere Branche. Als Desktop Publishing in den 80ern aufkam, sagten etablierte Designer·innen: »Das ist das Ende des Designerhandwerks!« Jeder konnte nun mit PageMaker ein Layout bauen. Aber wer damals wirklich gute Arbeit machen wollte, musste trotzdem alles über Typografie, Satzspiegel oder Hierarchien verstehen.

Die Software war nur ein Werkzeug, vertiefendes Wissen über Gestaltung blieb essentiell. Dann kam Photoshop und damit wieder der Aufschrei. Aber um mit Photoshop wirklich gut zu arbeiten und es zu meistern, braucht man sehr viel Know-how und Übung. Dann kam das Internet und wieder zahlreiche Änderungen. Plötzlich kann jeder eine Website bauen. Aber zwischen einer Template-Website und einem durchdachten digitalen Markenerlebnis liegen Welten.

Jede disruptive Innovation der Menschheitsgeschichte wurde zunächst mit großer Skepsis begrüßt. Die Historie hat uns dabei eines gelehrt: Neue Technologien verändern Arbeitsplätze. Branchen in ihrer Gesamtheit bleiben jedoch bestehen. So erwarten KI-Experten·innen eben auch, dass KI die menschlichen Fähigkeiten verbessert, aber sie nicht vollständig ersetzt. Trotzdem stehen wir jetzt vor einem Paradigmenwechsel, denn wir müssen anerkennen, dass generative KI wieder etwas radikal Neues ist.

Die Nutzung von generativer KI ist vergleichbar mit einem sich immer wiederholenden Briefing. Man sagt der Software, am besten möglichst detailliert, was sie tun soll und sie liefert ein Ergebnis. Hier ein bisschen mehr Blau, da ein anderes Wort oder eine komplett neue Struktur eines Textes. Insgesamt ist das ein iterativer Prozess, bis man ein Ergebnis bekommt, mit dem man zufrieden ist.

Ist das an sich verwerflich? Nicht wirklich. Aber man sollte zu sich selbst und vor allem zu den Kund·innen ehrlich und transparent sein, wer hier welche Leistung erbracht hat. In diesem Fall ist die generative KI der eigentliche Schöpfer. Das führt zu einem spannenden Paradigmenwechsel. Man wird vom Beauftragten und Schöpfer wieder selbst zum Auftraggeber.

Alte Begriffe für ein neues Phänomen – generative KI & »künstliche Kreativität«

Vielleicht liegt das Problem auch darin, dass wir noch keine passende Begriffsdefinition für die Ergebnisse der KI haben. Momentan ist es so, dass wir versuchen, etwas radikal Neues mit alten Wörtern zu beschreiben. Die Outputs generativer KI könnte man vielleicht unter dem Begriff »pseudo-Kreativität« zusammenfassen. Sie sind einfach eine besonders gute Imitation.

Aber warum sprechen wir für die Ergebnisse generativer KI nicht generell von »künstlicher Kreativität«? So wie wir den Begriff der »künstlichen Intelligenz« nutzen (sie ist nicht intelligent im menschlichen Sinne, aber sie simuliert Intelligenz), sollten wir von »künstlicher Kreativität« sprechen (sie ist nicht kreativ im menschlichen Sinne, aber sie simuliert Kreativität).

Künstliche Kreativität kann original und effektiv sein. Sie kann überraschen und nützlich sein. Aber ihr fehlen wesentliche Dimensionen: die Intentionalität, die Authentizität, die innere Motivation, das eigenständige Problemfinden und die ästhetische Verantwortung. Kurzum: all das, was menschliche Kreativität charakterisiert.

Fazit: Warum wahre Kreativität am Ende menschlich ist (und bleibt)

Also: Kann KI nun kreativ sein? Unsere Antwort darauf ist wie so oft: Kommt darauf an. In diesem Fall darauf, wie man Kreativität definiert. Wenn Kreativität nur bedeutet »etwas Neues zu schaffen, das funktioniert«, dann ja, dann kann KI kreativ sein. Aber wenn Kreativität bedeutet, etwas bewusst zu gestalten, authentisch auszudrücken und Verantwortung für ästhetische Entscheidungen zu übernehmen, dann nein. KI wird unter diesen Gesichtspunkten nie kreativ sein.

Die interessantere Frage ist jetzt aber noch: Bedroht generative KI die menschliche Kreativität?
Ja, künstliche Intelligenz ist jetzt schon in vielen Disziplinen besser als wir Menschen und sie wird uns in Zukunft in noch mehr Bereichen überholen. Aber das bedeutet nicht, dass menschliche Kreativität verschwindet. Ganz im Gegenteil. Ein Fehler, den viele Menschen zurzeit machen, ist zu glauben, dass man die Ästhetik und Tonalität generativer KI nicht erkennen kann.

Und je mehr generische KI-Mittelmäßigkeit die Welt flutet, desto stärker wird der Wunsch nach einzigartigen Arbeiten, in denen menschliches Know-how und Feingefühl stecken. Solange das so ist, wird menschliche Kreativität nie verschwinden. Sie wird nur seltener und damit noch wertvoller. Und wir sind davon überzeugt, dass menschliche Kreativität immer King sein wird.

Sec.() Sec.()